Rundbriefe Julia Lohr

Frieda Julia Lohr aus Essen ist ebenfalls seit September 2017 in unserer Partnerstadt als Frewillige aktiv. In ihren Rundbriefen beschreibt sie eindrucksvoll zunächst ihren Start und dann alle ihre vielfältigen Eindrücke aus Nischni Nowgorod, mit allen Widersprüchen und allem Glanz. An dieser Stelle hingewiesen sei auf ihren Blog www.aufnachrussland.jimdo.de auf dem sie wöchentlich kurze Geschichte aus Nischni Nowgorod und Russland schreibt und so einen guten Eindruck vom russischen Alltag vermittelt. Und wer noch nicht genug bekommt und auch mal vergleichen möchte: Auf der Seite der Arbeitsstelle für Auslandsfreiwilligendienste der Evangelischen Kirche im Rheinland sind Berichte anderer Freiwilliger zu finden, die im gleichen Zeitraum wie Emilia, Julia und Sven in anderen Ländern der Welt ein FSJ absolvieren.

Vielen Dank Julia für diese spannenden Berichte und viel Freude beim Lesen!

Dritter Rundbrief

Liebe Familie, Liebe Freunde, Liebe Unterstützer und Liebe interessierte Leser,

Der Frühling ist auch in Russland angekommen und zeigt in all den blühenden Pflanzen seine ganze Pracht. Dies bedeutet aber gleichzeitig auch, dass ich 75% meines Freiwilligendienstes schon abgeleistet habe. In diesem Rundbrief werde ich darüber berichten, was in den letzten Monaten so passiert ist und welche Erfahrungen besonders interessant waren.

Ein großes Highlight war auf jeden Fall unser Zwischenseminar Ende Februar im kalten verschneiten Tallinn. Passend zur Halbzeit konnten wir einige unserer Mitfreiwilligen wiedersehen (leider nicht alle- die USA- und Israelfreiwilligen unserer Gruppe haben jeweils eigene Seminare) und das mit viel Freizeit gestaltete Seminar bot uns die gern angenommene Möglichkeit, die Stadt zu erkunden. In lockeren Gesprächsrunden reflektierten wir die Arbeit in unseren Projekten und tauschten uns mit den Anderen aus. Insgesamt konnten wir in dieser Woche neue Kraft und Motivation tanken für das ausstehende halbe Jahr und so kehrten wir wieder energiegeladen nach Nischni zurück.

Kurz nach unserer Rückkehr fand am 8. März der wirklich groß gefeierte Tag der Frauen statt. Überall, also auch in Bussen und in Geschäften, wurde Frauen gratuliert. In den Schulen haben sich die Lehrerinnen gegenseitig beschenkt und auf den Straßen herrschte eine Feiertagsstimmung- ähnlich der der deutschen Vorweihnachtszeit. In unserer WG haben wir darüber gewitzelt, dass die Männer mit dem Tag ein ganzes Jahr schlechtes Verhalten entschuldigen (in den traditionellen Geschlechterrollen sind die Frauen mit der Mehrfachbelastung von Arbeit, Kindererziehung und Haushalt oft die Verlierer). Uns ist aber aufgefallen, dass allen Frauen der Tag auch außerordentlich wichtig ist und eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber Geschenken etc. besteht. Es gibt auch einen Tag der Männer in Russland. Offiziell heißt dieser Feiertag Tag des vaterländischen Verteidigers und findet am 23. Februar statt. Geehrt werden sollen die Männer, die für den Sieg der Sowjetunion im zweiten Weltkrieg mitgekämpft haben. Heutzutage wird aber allen gratuliert, sogar kleine Jungs werden im Kindergarten beschenkt. Dieser Männertag hat jedoch bei weitem keine so große Bedeutung wie der Frauentag.

Der größte Feiertag, den wir in Russland erlebt haben, war jedoch der Tag des Sieges am 9. Mai. Es hat sich schon paradox angefühlt, als Deutsche in einer riesigen Menschenmasse zu stehen und die Russen dabei zu beobachten, wie sie ausgelassen den Sieg feiern. Der Sieg- er liegt zwar mehr als sieben Jahrzehnte zurück, ist aber gefühlt das gesamte Fundament des russischen Patriotismus. Besonders erschreckend fand ich die Kindererziehung. Viele Kinder hatten Heliumballons mit Panzermotiven und trugen Kriegsuniformen wie eine schlechte Karnevalsverkleidung. In einem Park habe ich mitbekommen, wie ein ca. 4-jähriger Junge Krieg gespielt und gesagt hat:“ Die Deutschen und Amerikaner sind alle Faschisten, wir werden sie besiegen und die ganze Welt retten!“. (Ich war mir nicht sicher, ob er überhaupt schon weiß, wo Deutschland oder Amerika überhaupt liegen.) Eltern und auch Lehrer fördern diese Haltung. An einem meiner ersten Arbeitstagen in der Schule war ich überrascht, dass im Klassenraum Ausmalschablonen mit Kriegsmotiven zu finden waren. Den Kindern in der Schule, auch denen mit großen Einschränkungen in der geistigen Entwicklung, wurde beigebracht, positiv zum Krieg und zur Regierung zu stehen. Zweifeln am russischen Präsidenten wird kein Raum gegeben. Russland muss stark sein, um sich gegen alle ausländischen Feinde behaupten zu können- das haben schon alle Schüler verstanden.

Dementsprechend ist es ein bisschen verständlich, dass sich die Leute am 9. Mai auf die große Militärparade gefreut haben. Auch ich war von den vielen Panzern, die am Ende an den Menschenmassen vorbei gerollt sind, beeindruckt. Schließlich sieht man in Deutschland nicht oft Militärfahrzeuge in Aktion. Es war aber auch etwas angsteinflößend. Wo entwickelt sich ein Volk hin, dass nur auf seine Errungenschaften im zweiten Weltkrieg, nicht aber auf die der Gegenwart, stolz sein kann?

Ein paar Tage vor dem 9. Mai hat unsere Schule einen Ausflug gemacht, zu dem ich die dritte Klasse begleitet habe. In einem Park fand ein Programm für die Kinder statt. Es gab ein paar Stationen, die die Schüler in Gruppen aufsuchen und die einzelnen Aufgaben erledigen mussten. Dazu gehörte z.B. ein Militärzelt möglichst schnell aufbauen, Militärlieder singen, ein Militärquiz richtig beantworten, Sportaufgaben wie beim Militär meistern und „Verwundeten“ einen Verband anlegen. Nachdem die Siegergruppe geehrt wurde, gab es für alle ein authentisches Militäressen aus einem echten Militärkochfahrzeug. Dann war das ganze Militärzeugs zum Glück auch vorbei und die ganze Schule durfte kostenlos in den Zoo des Parks, da der Zoochef der Schule mit dem freien Eintritt eine Art Spendengeschenk machen wollte. Den Kindern hat der Ausflug sehr gefallen und sie konnten somit auch eine Auszeit vom Schulalltag haben.

Bald fangen aber auch schon die Sommerferien an, da die Kinder in Russland von Juni bis einschließlich August frei haben. Für uns bedeutet das, dass die Arbeit in der Schule wegfällt, wir uns aber so intensiver um unsere Invaliden kümmern und mehr mit ihnen unternehmen können. Außerdem steht eine Russlandreise mit meinem Mitfreiwilligen Sven an, auf die wir uns schon sehr freuen. Mitte August endet unser Freiwilligendienst aber auch schon und wir fliegen zurück nach Deutschland. Auf die letzten 3 Monate freuen wir uns noch und genießen jeden einzelnen Tag.

Bis zum nächsten Rundbrief im August!

Eure Julia 😊

 

Zweiter Rundbrief

Liebe Familie, Liebe Freunde, Liebe Unterstützer und Liebe interessierte Leser,

Nun sind schon 6 Monate und damit die Hälfte meines Freiwilligendienstes in der russischen Stadt Nischni Nowgorod vergangen. Nachdem ich im ersten Rundbrief ausführlich über meine Arbeit in der Förderschule und die Arbeit mit unseren Invaliden im privaten Rahmen berichtet habe, wird sich dieser Rundbrief mit dem Land und seinen Eigenarten befassen.

Russland ist von seiner Fläche fast 50-mal so groß wie Deutschland und hat dabei nur knapp die doppelte Einwohnerzahl. Deswegen ist es schwierig, die russische Kultur und generell das Land zu beschreiben. Meine Erzählungen basieren daher auf meinen Erfahrungen in der Stadt Nischni. Das Leben kann in einer anderen Region in Russland auch komplett anders aussehen. Generell muss ich aber sagen, dass es mir schwerfällt, meine Eindrücke in Worte zu fassen.

Am einfachsten ist es, über die Religion zu berichten. In Russland ist der Großteil orthodox, was einem in der Stadt auch auffällt- überall sieht man die prachtvollen Kirchen mit den charakteristischen Kuppeln. Der Glaube ist den Meisten Russen sehr wichtig. Dabei merkt man, dass dies auch die junge Generation (unsere Gleichaltrigen) betrifft: viele Studenten gehen regelmäßig in die Kirche und haben Ikonen in ihren Zimmern an den Wänden hängen. Weihnachten wird hier nach dem Julianischen Kalender am 6. und 7. Januar gefeiert. Aber eigentlich ist das Neujahrsfest das wichtigere Fest, an dem die Kinder großzügig beschenkt werden (das kommt noch aus Zeiten der Sowjetunion, als man versucht hat, die Religion einzudämmen und ein „Ersatzfest“ zu finden). Ende Dezember findet auch die Ёлка (deutsch: Tannenbaum) statt. Das ist ein Fest für Kinder, die sich verkleiden dürfen, um sich zuerst ein kleines Theaterstück anzugucken. Traditionell geht es in diesem meistens darum, dass Väterchen Frost und seine Enkelin Schneeflöckchen gerettet werden müssen, damit das Weihnachtsfest stattfinden kann. Am Ende wird aber alles gut und mit dem Anmachen der bunten Lichter am großen Weihnachtsbaum wird der Anfang einer fröhlichen Feier symbolisiert.

Natürlich gibt es auch kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede. Was mir relativ früh aufgefallen ist: Russland ist kein Land für Introvertierte. Der Umgangston unter Fremden ist sehr rau und direkt. Im Bus wird man sofort aggressiv angemotzt, wenn man ausversehen jemandem auf den Fuß getreten ist (deeskalierendes Verhalten kennt kaum einer). Und auch sonst zeigen sich die Russen im öffentlichen Leben ziemlich kaltherzig. Aber wenn man Russen näher kennenlernt, sind es sehr herzliche, kontaktfreudige und überaus gastfreundliche Menschen. Am meisten gefällt es mir, wie sich alle darum sorgen, ob man denn satt ist. Man kriegt insgesamt sehr viel Essen angeboten und der Tisch ist bei einer Einladung immer reich gedeckt.

Ein großer Unterschied zu Deutschland ist, dass die Gesellschaft in Russland weitestgehend konservativ eingestellt ist. Die traditionellen Geschlechterrollen werden von den meisten erfüllt und auch erwartet, und so kommt es, dass die Mädchen zu guten Hausfrauen erzogen werden und noch dazu immer perfekt gestylt sind.  Im Gegensatz dazu legen die Jungs wenig Wert auf ihr Aussehen und sind in erster Linie für harte Arbeit zuständig.

Es gibt auch eine gewisse „Begeisterung für den Krieg“ in der Gesellschaft. Es ist komplett normal, wenn Kinder in den Schulen Ausmalbilder mit Panzern und Gewehren bekommen. Bis heute wird der Tag des Sieges am 9. Mai mit Militärparaden groß gefeiert- man merkt den Russen an, dass sie stolz sind auf ihr Land und dieser Patriotismus erschien mir am Anfang eher merkwürdig. In Deutschland ist Patriotismus aufgrund der Geschichte ein sehr sensibles Thema. Ich muss aber auch sagen, dass es etwas Tolles hat, in einem Land zu leben, in dem die Nation „geeint“ ist. Selbst wenn sich fremde Russen gegenseitig anmotzen, so ist da doch eine Verbindung- der gemeinsame Stolz auf das Land und die Liebe zu diesem.

Dabei ist die Gesellschaft doch heterogener, als ich am Anfang des Jahres vermutet hätte. Es gibt nicht den typischen Russen, den man ohne Probleme beschreiben kann. Wie in Deutschland leben hier Menschen mit unterschiedlichen Lebenseinstellungen und mit verschiedenen Charakterzügen. Wir haben z.B. viele Jugendliche kennengelernt, die gar keinen Alkohol trinken, weil sie sich von der älteren Generation distanzieren wollen. Hier haben nämlich wirklich viele Erwachsene ein Alkoholproblem- ich habe schon ein paar Mal stark alkoholisierte Bauarbeiter und Müllmänner bei der Arbeit gesehen… Und auch morgens auf dem Weg zur Schule ist es nichts Ungewöhnliches, nach Alkohol riechenden Männern zu begegnen. Ein weiteres Stereotyp, was sich leider als wahr entpuppt hat, ist die Homophobie. Auf Homosexualität wird sehr ablehnend reagiert. Das fällt auch in der Schule auf: wenn sich zwei Jungs aus meiner ersten Klasse mal umarmen, schreit die Lehrerin sie sofort an (man will ja „keine Schwuchteln heranziehen“ (Die Beleidigung ist tatsächlich ein Zitat und wurde so von der Lehrerin vor Siebenjährigen gesagt) und deswegen muss so ein Verhalten umgehend unterbunden werden).

Was mir auch noch aufgefallen ist: in Russland gibt es viel Kontrolle. Regelmäßig finden in der Schule angekündigte Rundgänge von der Schulleitung statt, bei denen z.B. die Ordnung im Klassenzimmer kontrolliert wird (dazu muss man aber auch sagen, dass die russische Arbeitsmoral sehr zu wünschen übrig lässt… hier gilt eher das Motto:“ Ach, das wird schon irgendwie gehen“- das fällt besonders bei Treppenstufen auf). Und auch (volljährige!) Studenten, die im Wohnheim leben, müssen sich strengen Regeln unterordnen. Offiziell müssen sie bis Mitternacht zurück sein- nach Mitternacht wird man von den Sicherheitsleuten nicht mehr reingelassen. Ein weiteres Beispiel ist, dass wir Freiwillige für die Arbeit in der Schule einen HIV-und viele weitere Gesundheitstests machen mussten.

Auf der anderen Seite werden wichtige Sachen komplett vernachlässigt. Im Auto schnallt sich fast niemand an; im Taxi gilt Anschnallen sogar als unhöflich (generell ist der Straßenverkehr in der Tat ein großes Chaos- aber fairerweise muss man sagen, dass es ein funktionierendes Chaos ist :D). Die Schulpflicht wird auch nicht so eng gesehen. Oft fehlen Kinder tagelang in der Schule, weil sie einfach so aufs Land zu Verwandten gefahren sind. Die Eltern und die Lehrer gehen mit diesem selbstverschuldeten, nicht begründeten Fernbleiben des Unterrichts erstaunlich entspannt um.

Deswegen nehme ich Russland als ein sehr widersprüchliches Land war. Mich wundert es auch, dass ich noch nie mitbekommen habe, wie sich Russen über ihre Lebensumstände beschweren. Diese sind nämlich echt schlecht hier: viele müssen mit einem sehr kleinen Gehalt auskommen (die Hilfslehrerin in meiner Klasse verdient im Monat für eine 25h-Woche 10 000 Rubel- also umgerechnet 150€…) und in alten, renovierungsbedürftigen Wohnungen in sowjetischen Plattenbausiedlungen leben. Generell ist soziale Ungleichheit hier ein viel größeres Problem als in Deutschland. Die Studenten müssen sich in den Wohnheimen 15qm große Zimmer zu dritt teilen- und nehmen es einfach hin. Ich bewundere die Menschen dafür, dass sie so hart im Nehmen sind. Andererseits finde ich es etwas komisch, dass sich niemand für bessere Bedingungen einsetzt. Niemand regt sich über das „große Ganze“, über das System an sich auf. In Deutschland gab es in den vergangenen Jahrzenten viele Bewegungen, die für Verbesserungen gesorgt haben (z.B. Gleichberechtigung für Frauen, Umweltschutz etc.). Hier merkt man, dass dies wegen der Sowjetunion einfach gefehlt hat und immer noch fehlt.

Russen regen sich aber dafür sehr über Kleinigkeiten im Alltag auf. In normale Alltagssituationen wird viel Stress reingebracht, und ich muss dann immer aufpassen, dass ich davon nicht mitgerissen werde. Vor allem bei der Arbeit empfinde ich es als nervig, wenn ich versuche, den Kindern so viel Geduld wie nur möglich entgegenzubringen, die Hilfslehrerin dann aber aufgrund irgendwelcher Nebensächlichkeiten sehr hektisch wird und den Lernprozess unterbricht.

Generell ist der Umgang mit Behinderten weit entfernt von deutschen Standards. Wegen der fehlenden Sozialstrukturen haben körperlich Behinderte kaum eine Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Behinderte Menschen werden auch nicht wie normale Menschen wahrgenommen, sondern einfach nur wie Behinderte. Die russische Gesellschaft ist noch nicht so weit wie die deutsche. In der Sowjetunion wurden beeinträchtigte Menschen von Geburt an isoliert und in großen Heimen untergebracht, die am Stadtrand lagen. Deswegen ist der Umgang mit behinderten Menschen noch relativ unerfahren und auch etwas komplett Neues für die russische Gesellschaft. In den letzten Jahren wurden schon viele Fortschritte gemacht und ich bin zuversichtlich, dass es in nächster Zeit noch besser wird. Im Moment vermisse ich besonders für die Kinder in der Schule die richtigen Therapieansätze und individuelle Förderung.

Nächsten Monat finden auch die Präsidentschaftswahlen statt. Darüber wird aber eigentlich kaum geredet- wahrscheinlich deswegen, weil sowieso schon alle wissen, wie die Wahlen ausgehen werden. Viele sagen, dass sie Putin wählen werden, weil es keine gute Alternative gibt. Insgesamt unterstützt aber der Großteil den russischen Präsidenten und findet es gut, was er macht. Auf dem Wahlplakat rechts steht: „2018 März- Wahlen für den Präsidenten von Russland“. Mit Edding wurde es verbessert: „Komm nicht im März 2018- Wiederzuweisung des Präsidenten von Russland – für euch wurde schon entschieden“.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich in den letzten Monaten so viele Erfahrungen gemacht habe, dass diese nur zu einem Bruchteil hier in diesem Rundbrief vorkommen. Ich habe mich richtig gut eingelebt in Russland und möchte gar nicht daran denken, dass mein Freiwilligendienst schon zur Hälfte vorbei ist. Ich genieße jeden einzelnen Tag und freue mich auf das noch verbleibende halbe Jahr. Bis zum nächsten Rundbrief in drei Monaten!

Eure Julia : )

Erster Rundbrief

Liebe Familie, Liebe Freunde, Liebe Unterstützer und Liebe interessierte Leser,

Als ich in Vorbereitung auf mein Auslandsjahr die ersten Rundbriefe der aktuellen und ehemaligen Freiwilligen gelesen habe, konnte ich oft den Satz „Unfassbar, dass ich jetzt schon 3 Monate hier bin- die Zeit ist sehr schnell verflogen.“ am Anfang des Briefes vorfinden. Damals konnte ich mir noch nicht wirklich vorstellen, wie 3 Monate so schnell vergehen können. Jetzt bin ich aber selber in der Situation und staune darüber, dass ich schon seit über 12 Wochen für meinen freiwilligen Friedensdienst (kurz: FFD) in Russland lebe. Ein Friedensdienst ist im Prinzip ein freiwilliges soziales Jahr, aber dadurch, dass der Dienst im Auslands absolviert wird, kommen noch die Aspekte der Völkerverständigung und des kulturellen Austausches dazu, sodass man einen eigenen kleinen Beitrag zum Frieden leistet. Jetzt ist also die Zeit für den ersten Rundbrief gekommen, in dem der Schwerpunkt auf meinen Arbeitsstellen und dem Alltag liegt.

Mit der Motivation, etwas sinnvolles für die Gesellschaft eines Landes zu tun, bin ich mit meinen Mitfreiwilligen Sven und Emilia am 1. September nach einer etwas holprigen Reise (Sven und ich haben den Anschlussflug in Moskau verpasst) voller Vorfreude in Nischni Nowgorod angekommen. Nischni ist eine Großstadt mit 1,2 mil. Einwohnern, eine Partnerstadt meiner Heimatstadt Essen und liegt 400km östlich von Moskau. Emilia, Sven und ich haben das Glück, in einer gut gelegenen typisch russischen 3-Zimmer Wohnung in einer Plattenbausiedlung im Zentrum der Stadt zu wohnen. Die Wohnung war für mich in der Anfangszeit sehr gewöhnungsbedürftig (der durchschnittliche russische Wohnstandard liegt deutlich unter dem durchschnittlichen deutschen): z.B. teilen Emilia und ich uns ein 9qm kleines Schlafzimmer, damit wir das Wohnzimmer auch als solches benutzen können. Mittlerweile ist es aber total ok, die Wohnung ist zu unserem Zuhause geworden und man bemerkt, mit welchem Luxus man in Deutschland aufgewachsen ist.

Nach einem Eingewöhnungswochenende im September fing auch schon relativ schnell unser Alltag an. Ich arbeite zusammen mit Sven in der Förderschule Nr. 86, welche sich in einem äußeren Stadtbezirk befindet. Daher muss ich auch ziemlich früh los morgens- um 6:45 verlasse ich das Haus und laufe zur Haltestelle an der Hauptstraße. Dort warte ich dann auf die Marschrutka. Marschrutkas sind kleine Busse, die privat als Sammeltaxis ohne genauen Fahrplan, aber erstaunlicherweise doch regelmäßig in einem bestimmten Zeitintervall unterschiedliche Routen entlangfahren. Sie sind das beste Verkehrsmittel hier, da die Fahrer mit ihrem waghalsigen Fahrstil immer eine Bestzeit hinlegen. Außerdem gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Marschrutkalinien- man kommt fast überall ohne Umsteigen hin. Im Vergleich dazu ist das öffentliche Bus- und Straßenbahnnetz eher mager und unbequem. Ich würde sagen, Marschrutkas sind typisch russisch und haben auch ihre eigenen Regeln, die einen als Ausländer im ersten Moment schmunzeln lassen. Ist der Kleinbus voll, dann geben die neu eingestiegenen Fahrgäste das Geld für eine Fahrkarte (28 Rubel, umgerechnet etwa 40 Cent) nach vorne zum Fahrer weiter, indem sie den Vordermann an der Schulter antippen und ihm das Geld in die Hand legen. Das Rückgeld kommt zusammen mit dem Ticket auf dem gleichen Weg zurück. Manchmal schüttelt man innerlich als Deutscher den Kopf, wenn der Marschrutkafahrer gleichzeitig telefoniert, Geld wechselt und fährt, aber nach einiger Zeit empfindet man das auch als normal.

Wenn alles gut geht, bin ich um 7:45 in der Schule. Im Klassenraum ziehe ich meine Jacke aus und wechsele die Schuhe. In Russland ist es üblich, dass die Schüler und Lehrer ihre Straßenschuhe gegen Schulschuhe wechseln, damit das Gebäude sauber bleibt- hier sind die Straßen und Wege nämlich viel dreckiger als in Deutschland. Ich finde das aber auch echt gut, denn so muss man im Winter nicht den ganzen Tag drinnen mit warmen Stiefeln rumsitzen. Um 7:55 Uhr gehe ich dann mit der Hilfslehrerin zum Eingang der Schule, um unsere Klasse „1Б“ (1B) abzuholen. Sie besteht aus 5 Jungs im Alter von 7-8 Jahren, die alle innerhalb des Autismus-Spektrums diagnostiziert wurden. Der Buchstabe bei der Klassenbezeichnung steht für den Grad der Behinderung der Klasse. Also sind in einer A-Klasse Kinder z.B. mit einer leichten Lernbehinderung, während in einer Б- und B-Klasse (2. Und 3. Buchstabe des russischen Alphabets) Schüler mit einer stärkeren Behinderung sind. Diese Klassen haben neben einem normalen Lehrer auch noch einen Hilfslehrer, der beim Schulalltag unterstützt.

Anschließend gehen wir zum Speiseraum zum Frühstück. Jeden Tag gibt es entweder Brei (Haferbrei, Grießbrei, Milchreis, Hirsebrei, Buchweizen… sehr beliebt in Russland), Omelett oder eine gebackene Quarkspeise. Dazu gibt es eine Scheibe Brot mit Butter und ein süßes Getränk (Tee, Kaffee, Kakao). Ich bin sehr froh, dass ich mitessen darf, da ich dann nicht zu Hause frühstücken muss und außerdem schmeckt das Essen in der Schule erstaunlich gut (es wird in der eigenen Küche frisch zubereitet).

Nach dem Frühstück fängt der Unterricht an. Ich arbeite meistens mit einem Kind zusammen und helfe ihm beim Bearbeiten der Aufgaben. Die ersten 2 Monate habe ich fast ausschließlich mit einem Jungen gearbeitet, der schlau, aber hyperaktiv ist und daher einen ungebremsten Bewegungsdrang hat. Es war und ist schwierig, ihn für die Aufgaben zu motivieren. Leider ist der Unterricht (trotz des guten Betreuungsschlüssel von 5:3) wenig individuell gestaltet und so kriegen alle Kinder ungefähr die gleichen Aufgaben, was die meisten über- oder unterfordert. In letzter Zeit arbeite ich aber mit einem anderen Jungen aus der Klasse. Er heißt Russlan und ist ein schwieriges Kind. Aufgrund seiner Entwicklungsverzögerung ist er auf dem Stand eines 4- oder 5-Jährigen. Hinzu kommt, dass er aus einer sozial schwachen Familie kommt und schlecht erzogen ist. Regelmäßig wirft er sich auf den Boden, wenn er seinen Willen nicht durchgesetzt bekommt. Er gibt auch sofort auf, wenn er bei einer Aufgabe etwas mal falsch gemacht hat und man kriegt ihn dann kaum dazu motiviert, es nochmal zu probieren. Die Lehrer geben auch schnell auf bei ihm- wenn er sich weigert eine Aufgabe zu machen, motzen sie ihn an und drohen mit pädagogisch sehr fragwürdigen Sachen („Wenn du das nicht machst, holt deine Mama dich nicht von der Schule ab und du musst die ganze Nacht hierbleiben!“). Deswegen habe ich mich vor ein paar Wochen dazu entschieden, mit ihm im Unterricht zusammenzuarbeiten, da ich mir Mühe gebe, einen geeigneten Zugang zu ihm zu finden und ihm geduldig die Zeit lasse, die er braucht. Ich habe z.B. herausgefunden, dass er auf Visuelles eher schlecht reagiert. Wenn aber zusätzlich noch andere Sinne (z.B. der Tastsinn) gefordert werden, kann er die Aufgaben viel besser bewältigen. Außerdem versuche ich kleine „Ziele“ mit ihm zu erreichen. Am Anfang des Schuljahres hat er sich geweigert, nach dem Toilettengang alleine die Hände zu waschen und stand lachend und trotzend vor dem Wasserhahn. Nachdem ich aber jedes Mal konsequent darauf bestanden hab und wir auch mal 10 min vor dem Waschbecken verbracht haben, geht er mittlerweile ohne Erinnerung automatisch nach dem Klo zum Waschbecken und wäscht sich selbstständig die Hände.             Im Moment üben wir, die Treppe mit beiden Beinen runterzulaufen und die Sportsachen nach dem Umziehen ordentlich in die Tasche zu packen.

Nach jeder Unterrichtseinheit findet auch eine kleine Pause statt. Entweder wir gehen mit den Kindern in einen Bewegungsraum zum Spielen oder wir bleiben in der Klasse und es werden Zeichentrickfilme auf dem Fernseher geguckt. Leider ist es nicht üblich, mit den Kindern in den Pausen rauszugehen, was ich vor allem im September beim schönen Herbstwetter schade fand. Ein Lehrerzimmer gibt es auch nicht, deswegen kommen in den Pausen oft andere Lehrer für einen Plausch vorbei.

Um 11:30 gehen wir dann wieder in den Speiseraum zum Mittagessen. Dieses besteht immer aus einem Teller Suppe, Brot, einem Hauptgericht, einer Kleinigkeit dazu (z.B. Kraut oder geräucherter Fisch) und einem Glas „Kompott“ (selbstgemachter Saft mit eingekochten Früchtchen). Mir gefällt das Mittagessen sehr. Manchmal gibt es als Hauptgericht Buchweizen mit Leber, was in Deutschland wahrscheinlich niemals als Schulgericht serviert werden würde- hier ist es aber normal und die Kinder essen es. Nach dem Essen bringen wir die Jungs wieder zum Eingang der Schule, da sie von ihren Eltern schon abgeholt werden und ich gehe wieder in den Klassenraum zurück. Dort befindet sich zu der Zeit eine 3. Klasse- die Klassenlehrerin hat nämlich 2 Klassen, um mehr Geld zu verdienen. Deswegen helfe ich dort noch ein bisschen, bis ich dann zwischen 12:30 und 13 Uhr zusammen mit Sven gehen darf. Unser Arbeitstag ist aber noch nicht vorbei- die Förderschule ist nämlich nur ein Teil unseres Projektes hier in Russland.

Der andere Teil ist die Arbeit mit Invaliden im privaten Rahmen. Zwei Mal in der Woche fahren Sven und ich zu einer 65-Jährigen Frau, die mit ihrer 40-Jährigen Tochter Ela und ihrem 19- Jährigen Enkel Roman zusammenwohnt. Ela ist körperlich beeinträchtigt, kann kaum laufen und ist auch geistig ein bisschen eingeschränkt. Aber sie macht oft Witze und wir lachen immer viel. Im Gegensatz dazu ist es schwierig, Roman zu beschreiben. Sein ganzer Körper ist stark deformiert, die Muskeln sind fast komplett zurückgebildet, sein Rücken ist total verbogen und er sitzt den ganzen Tag in einer furchtbar ungesund aussehenden Position auf dem Sofa. Ich muss zugeben, dass ich wirklich geschockt war, als ich ihn das erste Mal gesehen habe- ich hätte nicht erwartet, dass es ihm so schlecht geht. Die Oma hat uns Bilder von seiner Kindheit gezeigt: früher war er ein gesunder Junge, der laufen konnte und ganz normal Blödsinn gemacht hat. Aber durch einen Unfall und eine missglückte Operation an den Beinen konnte er nicht mehr laufen und fing an, in einer schiefen Position zu sitzen. Davon trägt sein Rücken jetzt Schäden. Er erhielt und erhält leider überhaupt keine Therapie (das kann sich die Familie nicht leisten) und sein Zustand verschlechtert sich immer mehr. Mittlerweile ist er kaum mehr ansprechbar, und die soziale Isolation sowie die fehlende (intellektuelle) Beschäftigung spiegeln sich in seiner Psyche wieder. Für die Oma wird es aufgrund von eigenen gesundheitlichen Problemen auch immer schwieriger, die Pflege für ihren Enkel und ihre Tochter zu übernehmen. Deswegen helfen wir einmal in der Woche, Roman zu waschen. Sven trägt ihn in die Badewanne und ich erledige in der Zwischenzeit oft kleine Einkäufe für die Familie. An dem anderen Tag in der Woche gehen wir mit Roman und Ela spazieren, da die Beiden ohne Hilfe das Haus nicht verlassen können. Trotz der schwierigen Lebensverhältnisse der kleinen Familie werden wir Freiwillige immer sehr herzlich empfangen und auch zu einer Tasse Tee eingeladen. Es sind nette Leute, die harte Schicksalsschläge hinter sich haben und für die jeder Tag eine neue Herausforderung ist.

Sven und ich besuchen aber auch einmal in der Woche Mischa, der fast 60 Jahre alt ist und ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen ist. Leider gibt es in seinem Haus keinen Aufzug bis zum Erdgeschoss, deswegen muss Sven den Rollstuhl mit dem sitzenden Mischa noch eine Treppe runterschieben. Und auch die Fußgängerwege sind selten rollstuhlgerecht. Wenn Mischa keine Lust hat raus zu gehen, dann spielen wir mit ihm Domino.

Ich merke schon, dass unser Ehrenamt bei den Invaliden sehr wichtig ist. Ich finde es aber auch traurig, dass aufgrund der fehlenden Sozialstruktur so viel von uns abhängt (ohne uns würde Roman nicht regelmäßig gewaschen werden können) und dass Invaliden in Russland die „Verlierer“ der Gesellschaft sind. Deswegen ist es schön, dass wir innerhalb unseres Freiwilligendienstes diesen Menschen ein bisschen Lebensfreude schenken können.

Es waren auf jeden Fall aufregende 3 Monate mit unglaublich vielen neuen Eindrücken und auch guten sowie schlechten Erfahrungen. Aber auch die gehören zu einem Freiwilligendienst im Ausland dazu. Ich bin gespannt auf die nächsten Monate und vor allem auf den russischen Winter- der Schnee hat sich bis jetzt noch nicht wirklich blicken lassen! Und ich würde mich freuen, wenn ihr mal auf meinem Blog vorbei gucken würdet. Dort berichte ich regelmäßig ausführlich über das Leben in Russland. Außerdem möchte ich mich herzlich für eure Spenden bedanken, denn ohne sie wäre so ein Dienst gar nicht erst möglich.

Eure Julia